Kultur & Geschichte
Spannende Hintergründe zu den Themen aus unseren Kinderbüchern
Die kulturellen Hintergründe unserer Geschichten entstehen in enger Zusammenarbeit mit Renate Hämmerle, Historikerin M.A..
Mit ihrer großen Leidenschaft für Geschichte, Sprache und kulturelle Zusammenhänge taucht sie tief in die Themen hinter unseren Abenteuern ein. Mit viel Feingefühl und Neugier recherchiert sie die Geschichten, die oft im Verborgenen liegen – und macht sie für unsere Bücher lebendig.
Als „Oma Renate – die Reiselustige“ ist sie dabei nicht nur im Hintergrund aktiv: Sie begleitet unsere kleinen Abenteurer auch innerhalb der Geschichten und ist selbst Teil der Reise. So verschwimmt die Grenze zwischen Erzählung und Wirklichkeit auf ganz besondere Weise.
Nach und nach entstehen hier aufbereitete Einblicke in kulturelle und geschichtliche Themen aus unseren Büchern – kleine Entdeckungsreisen für alle, die hinter die Geschichten schauen und die Welt noch ein Stück tiefer verstehen möchten.
Die Schwabenkinder (Band 1, Kapitel 4)
Steile Hänge bis tief in die Täler erfreuen in den Alpen heute unzählige Wintersportler. Doch diese schroffe Landschaft mit ihren tief eingeschnittenen Schluchten war der Grund dafür, dass die Bergbewohner dieser Regionen noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Leben am Existenzminimum führten. Die höher gelegenen Bergwiesen dienten als Weideland. In den unteren Regionen bauten die Bauern Getreide an und betrieben Obstbau, um sich weitgehend selbst zu versorgen. Erschwerend zu den nur mühsam zu bearbeitenden landwirtschaftlichen Steillagen kam die Tradition der Realteilung in Westtirol und Vorarlberg. Dieses Erbrecht brachte es mit sich, dass die Anbauflächen für die einzelnen Familien klein und darüber hinaus zersplittert waren. Die kinderreichen Familien der Alpenbauern waren oft nicht in der Lage, ihre Kinder ausreichend zu ernähren.
Eine andere Situation zeigte sich in Oberschwaben. Die Vererbung des Hofes meist an den ältesten Sohn verhinderte eine Zersplitterung und Aufteilung der landwirtschaftlichen Fläche. Das mildere Klima in Oberschwaben trug dazu bei, dass die Erträge um ein Vielfaches höher waren als in den Alpenregionen.
Viele Bauernfamilien in den Alpen waren zu drastischen Maßnahmen gezwungen, um ihr Überleben zu sichern. In ihrer Not schickten sie ihre Kinder oft schon im Alter von sechs, sieben Jahren auf Bauernhöfe im damals reichen und fruchtbaren Oberschwaben, um erstens zu Hause einen Esser weniger durchfüttern zu müssen, zweitens kehrten die Kinder im Herbst mit ein paar Gulden in der Tasche zurück und nicht weniger wichtig, mit neuer Kleidung. Die ersten Notizen über Kinderwanderungen aus dem Montafon und Vorarlberg stammen bereits aus dem 17. Jahrhundert.
Ende März begann das neue Wirtschaftsjahr auf den Bauernhöfen und das bedeutete für die Kinder in den Alpen Abschied von zu Hause zu nehmen und sich auf den beschwerlichen Weg nach Oberschwaben aufzumachen. Unter der Obhut eines Erwachsenen, häufig eines Geistlichen, zogen die Kinder auf direktem Weg über die Alpen und Pässe, oft bei noch eisigen Temperaturen und schlechtem Schuhwerk Richtung Süden. Es war ein weiter und entbehrungsreicher Weg bis sie Friedrichshafen oder Ravensburg erreicht hatten, wo sie auf dem Gesindemarkt auf ihre zukünftigen Dienstherren trafen. Waren sich die Begleiter der Kindergruppen und der Bauer per Handschlag handelseinig, folgten die jungen Arbeitskräfte ihrem Brotgeber auf die Gehöfte. Sie halfen beim Viehhüten, im Stall, bei den Feldarbeiten, Pflügen und Heuen. Die Mädchen arbeiteten im Haushalt, sie kümmerten sich um die kleineren Kinder, um die Wäsche, halfen beim Backen, Kochen, Gänse hüten oder auch beim Gänse rupfen und bei der Obsternte. Der Arbeitstag der Verdingkinder dauerte meist von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang.
Kinderwanderarbeiter wurde von den Bauern sehr gerne eingestellt, da diese willig und anspruchslos waren und auch von zu Hause aus die Tätigkeiten, die auf einem Bauern anfielen, kannten. Zudem waren sie als ausländische Arbeitskräfte in Württemberg von der Schulpflicht befreit
Bis Ende des 18. Jahrhunderts waren die Schwabenkinder mehr oder weniger der Fürsorge oder auch Willkür ihrer Betreuer und Dienstherrn ausgeliefert. 1891 gründete ein Pfarrer aus Tirol den Kinderhüteverein. Der Verein organisierte die Anreise der Kinder aus Tirol und Vorarlberg und der Arbeitsvertrag zwischen Schwabenkind und Dienstherrn wurde jetzt schriftlich dokumentiert. Auch die Anreise der Verdingkinder wurde 1884 durch die Inbetriebnahme der Arlbergbahn erleichtert. Und von Bregenz nach Friedrichshafen wurde durch die beginnende Schifffahrt Ende des 19. Jahrhunderts auch der Weg der Hütekinder etwas weniger beschwerlich. Das Schiff brachte sie nach Friedrichshafen, wo manche schon eine Arbeitsstelle finden konnten. Die anderen Kinder zogen weiter nach Ravensburg.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gehen Schätzungen von etwa 4500 Tiroler und Vorarlberger Schwabenkinder pro Jahr aus. Im Lauf des Jahrhunderts nahm Zahl der Kinder, die dieses harte Los auf sich nehmen musste, allmählich ab. Der Ausbruch des 1. Weltkriegs führte dazu, dass vorübergehend so gut wie keine Schwabenkinder Richtung Oberschwaben unterwegs waren, sie wurden nun zu Hause gebraucht, da die Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Eine neue Vereinbarung zwischen Österreich und Württemberg im Jahre 1915 legte fest, dass nun auch für die in Oberschwaben arbeitenden Kinder aus Österreich die Schulpflicht galt. Die Zahl der nach Schwaben gehenden Kinder reduzierte sich somit auch nach dem Krieg und erreichte nie mehr die hohen Zahlen von früher. Ganz verschwunden war das Phänomen des „Schwabengehens“ jedoch nicht. Es ist nachgewiesen, dass bis Mitte des 20. Jahrhunderts immer wieder Kinder von ihren Eltern als Verdingkinder nach Oberschwaben geschickt wurden.
Heute erinnern am Hafen in Friedrichshafen zwei Tafeln an die mehrere Jahrhunderte andauernde Notwendigkeit des „Schwabengehens“.
In Ravensburg erinnert eine Skulptur des Künstlers Peter Lenk in der Bachstraße an die Schwabenkinder.
Literatur zum Thema
Elmar Bereuter: Die Schwabenkinder;
Die Lädinen (Band 1, Kapitel 5)
Lädinen, einst unentbehrliche Lastensegler auf dem Bodensee
Früher dienten die Lädinen auf dem Bodensee zum Transport wichtiger Güter wie Salz, Gewürze, Getreide, Leinen, Wein und sogar lebendigem Vieh. Heute verbringen Urlauber auf der Lädine St. Jodok entspannte Segeltörns bei Themenfahrten von der Piraten – und Forscherfahrt bis zur Sonnenuntergangsfahrt und zur Mondscheinausfahrt.
Die St. Jodok ist der Nachbau einer Lädine, deren Wrack 1980 in den flachen Gewässern in der Nähe des Immenstaader Strandbades gefunden wurde.
Vom 14. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert waren Lädinen ein wichtiges Transportmittel auf dem Bodensee. Sie konnten, je nach Größe, bis zu 120 Tonnen laden und legten bei guten Windverhältnissen die Strecke zwischen Bregenz und Konstanz, ungefähr 60 Kilometer, in acht bis zehn Stunden zurück. Der Gütertransport mit Kutschen und Pferden auf holprigen Wegen dagegen wurde oft durch Rad- und Achsenbruch um Stunden oder gar Tage verzögert. Das Wort“ Lädine“ kommt aus dem mittelhochdeutschen und bedeutet Ladung, Fracht. Andere Quellen führen die Bezeichnung „Lädine“ auf das alemannische Wort „Lädi“ für Last zurück. Lädinen wurden aus Eichenholz gebaut. Sie waren etwa vier Meter breit und konnten bis zu 30 Meter lang sein, sie hatten einen bauchigen Rumpf und einen ungefähr 25 Meter hohen Rundholzmast, den Rah, an dem ein trapezförmiges Segel befestigt war. Der flache Rumpf bot viel Raum für die Fracht. Die Schiffsmannschaft, zwischen drei bis acht Personen, musste sich einen Sitz – oder Schlafplatz zwischen Getreidesäcken, Stoffballen, Weinfässern oder Milchvieh suchen. Da es bei wenig Wind mit dem Rahsegel kein Fortkommen gab, waren an der Backbordseite einer Lädine Ruder angebracht. Damit konnte die Mannschaft des Lastenseglers mit Muskelkraft und mithilfe langer Stöcke, den Staken, die Fracht am Ufer entlang manövrieren und natürlich auch die Segelrichtung bestimmen.
Die Entwicklung der Lastensegler profitierte von der Lage des Bodensees im Knotenpunkt Europas. Die Zuflüsse des Sees bildeten Wasserwege, um die im Hinterland produzierten Waren, Leinen, Tuch, Barchent, ein Mischgewebe aus Baumwolle und Leinen und Lebensmittel über den See in alle Richtungen zu vertreiben. Wirtschaft und Handel erlebten im 16. Jahrhundert einen bedeutenden Wandel, was unter anderem auch mit der Bevölkerungszunahme zu tun hatte. War doch nach der Schwarzen Pest und nach dem 30 – jährigem Krieg die Bevölkerung nicht nur in der Bodenseeregion stark dezimiert. So nahm jetzt die Nachfrage nach Gütern aller Art sprunghaft zu. Bedeutende Städte wie Lindau, Konstanz, Wangen, Friedrichshafen und Städte Oberschwabens führten im 17. Jahrhundert eine gemeinsame Währung ein, was dem Handel einen weiteren Aufschwung verlieh. Bis zu 1000 Lädinen versorgten während des 18. Jahrhunderts die Bodensee – Anrainergebiete mit lebensnotwendigen Gebrauchsgütern für den Alltag.
Der wirtschaftliche Aufschwung und die technische Weiterentwicklung machen nicht Halt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts übernahmen erste Schiffe mit Dampfantrieb den Warentransport auf dem Bodensee. Das Ende der Ära der Lastensegler war eingeläutet.
Die ausgedienten Lädinen wurden als Brennholz verwendet. Etliche Lädinen gingen unter. Manche Wracks werden immer wieder zufällig von Tauchern aufgefunden. Ein besonderes Highlight ist das Museum unter Wasser in Ludwigshafen. Tauchern bietet sich in etwa 20 Meter Tiefe ein einzigartiger Blick auf das Wrack einer etwas kleineren Lädine, einer Segmer. Wer sich lieber an Land über die Überreste der einstigen Frachtsegler informieren möchte, kann sich in verschiedenen Vorträgen die hochinteressante Geschichte der Lastensegler schildern lassen. Diese werden immer wieder in Ludwigshafen angeboten.
Taucher suchten Anfang der 1980-er Jahre nach weiteren Spuren der Pfahlbausiedlung in Unteruhldingen und entdeckten dabei das Wrack einer Lädine in unmittelbarer Nähe des Immenstaader Freibads. Das Eichenholz des geborgenen Wracks war relativ gut erhalten. Die Archäologen datierten das Alter des Schiffes auf ungefähr 200 Jahre.
Eine an historischen Schiffen interessierte Gruppe Immenstaader gründete 1988 einen Verein, um eine Lädine nachzubauen. Vorlage war der in Immenstaad geborgene Lastensegler. Nach intensiver Bauzeit konnte die St. Jodok zu Wasser gelassen werden. Der Heilige Jodok gilt den Pilgern, Reisenden und Schiffsleuten als Schutzpatron. Einen kleinen Unterschied zur Original-Lädine zeigt die moderne Ausführung. Sie hat, für den Fall, dass mal wieder Flaute auf dem Bodensee herrscht, zur Sicherheit einen 120 PS starken Motor.
Wer mehr über die Geschichte der Schifffahrt auf dem Bodensee wissen möchte, ist richtig im:
Archäologischen Landesmuseum Konstanz,
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10:00 bis 17:00 Uhr
Benediktinerplatz 5, 78467 Konstanz
